Auf der Suche nach einem Repair Shop: Wie ich in St. Petersburg mein iPhone zerstörte

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Seit 2011 begleitet mich mein iPhone 4 nun bereits. Es war mit mir in Irland, Israel, Australien, Österreich, Island und vielen anderen Ländern. Immer wieder ist es mir dabei heruntergefallen, doch nie ist etwas passiert – kein gesprungenes Display, wie es bei iPhones so typisch ist. Ich wusste aber auch, dass ich bisher wirklich mehr Glück als Verstand gehabt hatte. Irgendwann musste auch mir ein Missgeschick passieren, bei dem ich dann ausnahmsweise mal kein Glück habe. In St. Petersburg war es dann nach über vier Jahren mit meinem iPhone soweit.

St Petersburg Auferstehungskirche
Für die Aufnahme dieses Fotos ging ich in die Hocke, um die komplette Kirche aufs Bild zu bekommen. Als ich dann wieder aufstand rutschte mir das iPhone aus meiner Hosentasche. Es fiel nicht tief, vielleicht 30cm – nichts im Vergleich zu den Stürzen, die das arme Ding bei mir in der Vergangenheit schon überstanden hat! Doch dieses Mal war Schluss mit meinem Glück: Durch den kleinen Fall vor der Erlöserkirche in St. Petersburg ging mein iPhone plötzlich nicht mehr an. Das Display war nicht – wie erwartet – zersprungen, stattdessen hat es etwas im Inneren des Handys dahingerafft. Was war meine (vollkommen angemessene) Reaktion darauf? Panik! Meine Fotos! Meine Videos! Meine Kontakte und Notizen! Und wie soll ich die kommenden Tage und den Rückflug erst überstehen, ohne die Musik von meinem iPhone?

Gedanklich hatte ich mein iPhone schon abgeschrieben und begann zu überlegen, welches Smartphone ich als Ersatz noch am gleichen Abend vom Hotelzimmer aus bestellen könnte, damit ich zurück in Deutschland direkt wieder ein funktionierendes Handy habe. Doch dann besann ich mich darauf, wo ich gerade war: Russland. Ein Land, in dem die Schere zwischen arm und reich unfassbar weit auseinandergeht. Ein Land, in dem die Mehrheit der Menschen geschickt und kreativ mit ihren Ressourcen umgehen muss, da sie sich zum Beispiel nicht alle zwei Jahre ein neues Handy leisten können. Wenn jemand jetzt mein kaputtes iPhone also noch retten konnte, dann war es ein St. Petersburger!

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In diesem Café versteckte sich auch der Repair Shop.

Als ich meine Sightseeingtour fortsetzte kam ich etwas später dann tatsächlich an Schildern vorbei, auf denen ein Repair Shop beworben wurde. Blöd nur, dass der beworbene Laden leider nicht in dem Gebäude war, vor dem das Schild stand. Meine nicht vorhandenen Russischkenntnisse waren da auch keine große Hilfe. :D Wieder zurück auf der Straße sprach ich dann einfach die erste Person an, die mir entgegenlief: Eine junge Frau, die zum Glück genug Englisch verstand, damit ich ihr mein Problem schildern konnte. Sie fragte dann selbst nach und fand heraus, dass der Repair Shop im Gebäude nebenan ist – durch ein Café, das nur aus einem Holztresen besteht, am Ende des Raumes einem Securitymann hinter einem Fenster zunicken, dann links daneben die Treppe hoch.

St. Petersburg
Im ersten Stock des Hauses war es stickig und eine Vielzahl von Türen führte anscheinend zu verschiedenen Läden und Büros. Ich war meiner neuen russischen Freundin unfassbar dankbar für ihre Hilfe, denn sie navigierte uns nicht nur zielsicher durch eine Art „Wartezimmer“ in den richtigen Raum, sondern übernahm auch sämtliche Verhandlungen und Übersetzungen für mich, da der Betreiber des Repair Shops kein Englisch sprach.

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Meine Begleiterin übersetzte mir die Kosten für die Reparatur – umgerechnet etwa 25 Euro – und fügte hinzu, dass ich das Geld nur bezahlen muss, wenn der Ladenbesitzer mein Handy auch tatsächlich reparieren kann. Ich hoffte, dass das so alles stimmte und unterschieb eine Übergabeerklärung für das iPhone. Zumindest glaube ich, dass es das war – der Zettel war komplett in Russisch und ich hätte durchaus auch den Kaufvertrag für eine Waschmaschine unterschreiben können ohne es zu wissen.

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Der spartanische Arbeitsbereich des Repair Shops.

Einige Stunden später kehrte ich mit einem mulmigen Gefühl zu dem Gebäude zurück, durchquerte das Café, nickte dem Securitymann zu, stieg die Treppe hinauf und fand diesmal auch ohne meine russische Helferin den versteckten Repair Shop. Der Besitzer streckte seinen Kopf hinter dem Tresen hoch, sprang auf und lief zur hinteren Wand des Raumes. Grinsend kam er wieder auf mich zu, mein iPhone in der Hand und das Display leuchtete wieder! Ich jubelte laut vor Freude und bedankte mich mehrmals bei ihm. Mein „What’s wrong?“ beantwortete er dann mit „Motherboard“ – so viel Englisch kann vermutlich jeder, der mit Computern und Handys zu tun hat. Vermutlich hat sich durch den Sturz ein Kontakt gelöst, den er nur löten musste. Einfach verdientes Geld für ihn, Lebensretter für mich. ;) Später am Tag kontaktierte mich meine junge Helferin sogar noch auf Instagram, um sich zu erkundigen, ob mein Handy wieder funktioniert. Ich bin heute noch ganz bewegt davon, dass sie ohne groß nachzudenken über eine halbe Stunde ihres Tages geopfert hat, um einer Fremden zu helfen. Bei so viel Hilfsbereitschaft wurde es für mich irgendwann zur Nebensache, ob das Handy am Ende wieder funktioniert oder nicht – zu erleben, wie diese junge Frau und der Mann im Repair Shop mir so unkompliziert und fair geholfen haben, hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

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